Funktionen 3: Introvertiertes Denken Ti

Nachdem ich im letzten Eintrag extrovertiertes Fühlen (Fe) vorgestellt habe, will ich in diesem Eintrag mit der "gegenteiligen" Judging-Funktion, dem introvertierten Denken (introverted Thinking) weitermachen.

Auch mit Ti entscheiden und bewerten wir Sachen, allerdings bewerten wir im Gegensatz zu Fe erstens nach innen hin und zweitens nach unserer eigenen, subjektiven Logik. Die Gefühle anderer Leute oder eigene Gefühle werden in Entscheidungen nicht mit einbezogen. Ti bewertet nach "wahr" und "falsch", Fe nach "gut" und "schlecht".

Nach innen hin heißt in diesem Fall, dass es Ti-Nutzern schwerfällt, "mit dem Mund" zu denken. Ihre Gedanken spielen sich in ihrem Kopf ab, wo sie meist auch wesentlich logischer klingen, als wenn sie sie laut aussprechen. Sie können sie Anderen nicht wirklich gut erklären. Außenstehende können ihre Gedankengänge schwer nachvollziehen. Beim Erklären lassen sie oft wichtige Zwischenschritte aus, die sie für selbstverständlich halten.

Gleichzeitig können auch Ti-Nutzer die Gedanken anderer Menschen nicht so leicht nachvollziehen. Sich in diese einzudenken dauert eine Weile. Wenn man zum Beispiel einen Lehrer mit starkem Ti hat und ein Schüler ihm eine Frage stellt, braucht dieser Lehrer erst mal seine Zeit, zu verstehen, was der Schüler überhaupt meint. Ein Te-nutzender Lehrer hingegen weiß oft sofort, was sich der Schüler gedacht haben könnte. Er wird wahrscheinlich auch die verständlichere Antwort liefern.
Ti-Nutzer benutzen oft eher korrekte, als verständliche Sprache. Was aber nicht heißt, dass sie grundsätzlich schlechter erklären. Sie denken nämlich auch sehr bildlich und verwenden Metaphern und v.a. Analogien, mit deren Hilfe sie sich verständigen können.

Wenn man mit einem Ti-Nutzer diskutiert und das Gefühl hat, ihn nicht richtig zu verstehen, wäre es ratsam, ihm Stift und Papier in die Hand zu drücken und ihn zu bitten, seine Gedanken anhand einer Skizze. Ebenso sollte man Ti-Nutzern Zeichnungen vorlegen oder zu Erklärung Analogien verwenden, wenn man gegen ihre manchmal unlogische Logik agumentieren will und sie auf Fehlschlussfolgerungen hinweisen will.

Eine Stärke der Ti-Nutzer ist, dass sie komplexe Systeme, Probleme, Theorien oder Modelle gut durchschauen und verstehen können. Sie haben ein gutes Verständnis dafür, wie sich verschiedene Faktoren beeinflussen. Sie denken sehr analytisch und haben oft ein Bild davon im Kopf, wie Sachen funktionieren. Durch diese analytische Denkweise  können sie aus den Sachen, die sie wissen, leicht neue Schlüsse ziehen. Zum Beispiel können sie ohne Schwierigkeiten auf die Bedeutung neuer Wörter oder die Funktionsweise eines Motors schließen. Oder darauf, wie eine Gesellschaft funktioniert. All das lernen sie oft am Besten, wenn sie selbst daraufkommen.

Ti-Nutzer ziehen also schnell logische Schlussfolgerungen, denken in Metaphern und Analogien, suchen und durchschauen Systeme, Modelle und Theorien, auch komplexere. Neue Informationen werden sofort auf ihre Richtigkeit überprüft (und zwar nur selten mit Wikipedia oder nach irgendwelchen handfesten Beweisen, sondern  nach eigenem Ermessen) und kategorisiert/ in die im Kopf vorhandenen Skizzen von Systemen eingefügt.

Ein Kennzeichen für Ti-Nutzer ist, dass sie lange und tief über Sachen nachdenken. Ihre Gedanken gehen dabei nicht die geradlinigen Wege der Schritt-für-Schritt-Gedanken von Te-Nutzern, sondern sind eher komplex und verzweigt. Wenn man einen Gedanken auf zwei Arten weiterdenken kann, fällt es ihnen oft schwer, das eine Ende unvollendet zu lassen. Stattdessen denken sie erst das eine Ende zuende und kommen dann noch einmal zurück, um beim anderen weiterzudenken. Wenn das bei einem Gedankengang öfter geschieht, kann es passieren, dass der Ti-Nutzer überfordert ist und den Denkprozess von vorne starten muss.

Gedankensprünge und Gedankengewirr sind insgesamt typisch für Ti-Nutzer. Das äußert sich zum Beispiel in Randnotizen (oder eingeklammerten Notizen ), wenn sie ihre Gedanken aufschreiben. Sie wollen den logischen Gedankengang, den sie zu Papier bringen, nicht unterbrechen, also notieren sie am Rand (oder in Klammern) die wichtigen Erkenntnisse, die sie gerade gleichzeitig in einem "Neben-Gedanken" gewonnen haben.

Sie denken häufig mehrere Sachen und in viele Richtungen gleichzeitig, weshalb sie auch oft ihre Zeit brauchen, neue Informationen zu verarbeiten und einzugliedern (mit dem vorhandenen Wissen zu verkabeln, sozusagen). Eine neue Information kann hundert neue Erkenntnisse bringen oder alles auf den Kopf stellen, was sie zu wissen glaubten. Und wenn sie etwas durchschaut haben, mögen sie es nicht besonders gerne, die Skizze in ihrem Kopf wieder auszuradieren, also die Sache noch einmal komplett neu überdenken zu müssen.

Viel lieber denken sie immer wieder über die selbe Sache nach, denken unvollendete Gedanken zuende und gewinnen immer wieder neue Erkenntnisse über diese Sache oder kontrollieren, ob auch jede Schlussfolgerung logisch war, bis sie zum nächsten Thema übergehen.

Zum Beispiel habe ich, seit ich zum ersten Mal etwas über die "Cognitive Functions" gelesen habe, mindestens hundert Mal über dieses Thema nachgedacht und immer alleine durch das Darüber-Nachdenken jedes Mal wieder etwas Neues über mich und die Menschen um mich herum festgestellt.

Die Hauptprobleme von Ti-Nutzern sind zum einen logische Fehlschlussfolgerungen, die durch ihre subjektive Logik entstehen können, und dass sie häufig unterschätzt werden. Auf Andere wirken sie nämlich oft gelangweilt, abschätzig oder in Gedanken versunken, wenn sie den "Ti-Modus" aktiviert haben, während sie jemandem zuhören (oder einfach so nachdenken). Stellt man ihnen jedoch eine Frage zum Thema, stellt man oft fest, dass sie in Wirklichkeit genau aufgepasst und mitgedacht haben. Sie waren nur damit beschäftigt, das neu Gelernte zu durchdenken und zu analysieren. Oft wird man sogar feststellen, dass sie das Thema tiefgründiger durchschaut haben, als man es von der Person je erwartet hätte (eine Erfahrung, die meine Lehrer mehr als einmal machen mussten). Ti ist eine Art Geheimwaffe, mit der man alle verblüffen kann, die einen für minderbemittelt oder unüberlegt halten.

Wenn ihr euch für Te-Nutzer haltet und jemandem begegnet, der Ti-Nutzer sein könnte und der euch mit einem kritisch-dümmlichen, abwehrenden oder nichtssagenden Blick bedenkt, liegt das nicht daran, dass er euch für dumm hält oder selbst kein Wort versteht, sondern daran, dass er seinen Ti-Modus aktiviert hat und Informationen verarbeitet. Wenn er dann auch noch eine Diskussion mit euch anfängt, macht er das (meistens) nicht, um euch zu ärgern. Auch wenn er hundert mal dasselbe fragt oder sagt, bleibt einfach geduldig und agumentiert logisch. Aber seid vorsichtig: er könnte schlauer sein, als es scheint.

Abschließend sollte man noch sagen, dass weder Ti noch Te auf irgendeine Art "besser" ist. Das sind zwei gleichwertige, verschieden funktionierende Arten zu denken. Es kommt letztendlich nur darauf an, wie gut die Thinking-Funktion ausgebildet ist, nicht darauf, welche es ist.

Und natürlich gelten auch hier wieder nicht alle Informationen für jeden Ti-Nutzer. Schon gar nicht, wenn Ti nur eure dritte oder vierte Funktion ist.

Das war's fürs erste. Bis zum nächsten Eintrag!

18.4.15 15:01

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